Wie geht es dir?

Allzu oft wird diese Frage im Alltag zur Floskel. Schnell gefragt, schnell geantwortet. Fertig. Doch wenn wir uns wirklich Zeit füreinander nehmen, uns Aufmerksamkeit schenken – dann können sogar Wunder passieren.

„Hallo, lang nicht gesehen, wie geht’s?“ – so oder so ähnlich stelle ich diese Frage oft und werde auch immer wieder gefragt. Vor kurzem sagte jemand darauf: „Ich antworte nur auf ernst gemeinte Fragen!“

Diese Antwort lässt mich nachdenken. Wie oft ist es so, dass die Frage „Wie geht’s“ tatsächlich nur eine Floskel ist; eine schnelle Frage zur Begrüßung, die außer einem „Gut, danke, und dir?“ keine wirkliche Antwort erwartet. Und wie häufig nehme ich mir andererseits wirklich Zeit, schenke dem Anderen echte Aufmerksamkeit und höre ihm zu? Und: Zeige ich demjenigen, mit dem ich spreche, dass es mich interessiert? Oder sende ich eher das Signal, gar nicht wirklich offen für ihn zu sein?

Echte Aufmerksamkeit tut gut

Dabei ist es doch gerade diese Zuwendung, nach der ich selbst mich auch sehne. Es ist kostbar, einander Zeit zu schenken und es tut gut, wenn ich merke: Mein Gegenüber interessiert sich wirklich, er hört zu und wartet nicht nur ab, bis ich fertig bin. Er lässt sich selbst von dem berühren, was mich bewegt. Es freut mich, wenn jemand ernsthaft fragt, wie ich mich fühle und auch dann zuhört, wenn es mir nicht gut geht und wenn die Antwort nicht in einem Satz gesagt ist.

Echte Begegnung, Aufmerksamkeit und Zeit füreinander lässt Menschen spüren, dass sie wertgeschätzt werden, dass sie nicht alleine sind, dass sie geliebt werden.

Jesu Wunder der Zuwendung

Von Jesus werden in den Evangelien viele Wunder erzählt. Eines davon bewegt mich besonders. Als die Menschen einen Taubstummen zu ihm bringen, heißt es: „Jesus nahm ihn beiseite, von der Menge weg.“ Er nimmt sich Zeit für diesen Menschen, schenkt ihm seine ganze Aufmerksamkeit. Es ist keine Begegnung am Rande, in der er beiläufig nach dem Befinden fragt und mit irgendeiner Floskel antwortet. Obwohl viele andere da sind, gibt es für Jesus in diesem Moment nur diesen einen Menschen – und er zeigt ihm das auch. Und dann berührt er ihn. An den Ohren und der Zunge. Das klingt zuerst etwas befremdlich, aber es ist ein Zeichen dafür, dass Jesus wahrnimmt, was den Menschen belastet. Er wendet sich dem Menschen zu, gerade mit den Sorgen und Schwierigkeiten, die er hat. Gerade mit dem, was ihm das Leben schwer macht. Das Wunder geschieht in dieser Zuwendung: Der Mann kann wieder hören und reden.

Wenn wir einander Zeit schenken, uns wirklich begegnen, einander zuhören und füreinander da sind, dann werden dadurch wahrscheinlich noch keine Krankheiten geheilt, aber das ein oder andere Wunder kann auch dann geschehen. Denn es kann dazu führen, dass Menschen sich innerlich befreit fühlen, getragen und gehalten, bestärkt und ermutigt – und dass auf diese Weise Dinge möglich werden, die vorher nicht für möglich gehalten wurden.

Kleine Wunder - das können wir auch!

Im Alltag gibt es viele Gelegenheiten dazu. In der persönlichen Begegnung beginnt es vielleicht damit, dass ich eine andere Frage stelle, als das übliche „Wie geht’s?“ und auch zeige, dass mich die Antwort wirklich interessiert. Dazu braucht es übrigens nicht immer viele Worte – manchmal ist es schon eine einfache Umarmung, die zeigt: Was dich bewegt, berührt auch mich. In anderen Augenblicken ist es die handgeschriebene Karte, statt der E-Mail zum Geburtstag oder der kurze Anruf, statt der WhatsApp-Nachricht, die zeigen: Ich bin wirklich für dich da! Nimm dir Zeit für diejenigen, denen du begegnest, es muss nicht viel sein, aber ehrlich.

Autor und Sprecher: Pater Jens Watteroth

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