Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall

Eine unbekannte Stadt, ein neuer Job, ein neuer Verein: Auf einmal ist man fremd – und auf andere angewiesen. Eine zentrale Erfahrung – seit Jahrtausenden.

Alle Menschen sind Ausländer. Fast überall. Dieser Spruch ist ein Augenöffner. Denn ganz schnell bin ich selbst ein Ausländer, sobald ich meinen beschränkten Horizont verlasse, meinen gewohnten Lebensraum. Um die Erfahrung von Fremdheit zu machen, müssen wir nicht weit reisen. Meist reichen schon ein paar Kilometer und schon kennen wir uns nicht mehr aus. In einem andern Stadtteil oder im übernächsten Dorf kennen wir niemanden und niemand kennt uns. Jede Veränderung in unserem Leben lässt uns zu Fremden werden: Ein Umzug. Ein neuer Verein. Eine Fortbildung. Ein Urlaub. Ein Jobwechsel. Es ist eine Situation, in der wir verletzlich sind. Wir brauchen Hilfe, um zurechtzukommen. Tipps und Unterstützung von unseren Mitmenschen. Jeder nette Mensch, der uns begegnet, kann dann wie der sprichwörtliche Strohhalm sein, nachdem wir greifen, um nicht unterzugehen. Besonders krass ist es, wenn wir die Sprache der anderen nicht sprechen und dann da jemand ist, an den wir uns dranhängen können. Ach, wie schön, wenigstens einer, der mich versteht! Als Fremde sind wir auf die Eingeborenen, die Etablierten und Ortskundigen angewiesen. Gar nicht so ungefährlich!

Fremdsein – eine Urerfahrung

Nicht ohne Grund schreibt Gott dem Volk Israel ins Gesetz: Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen. Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. Witwen und Waisen haben durch den Tod von Ehepartner und Eltern ihre familiäre Heimat verloren. Wer schon mal getrauert hat, weiß wie fremd sich die Welt nach dem Tod eines lieben Menschen anfühlt. Wir alle sind Menschen und immer wieder können wir die Fremden sein. Überall.

Jesus fordert mit dem Gebot zur Nächstenliebe dazu auf, sich in den Mitmenschen hineinzuversetzen. Als Christen sind wir dazu aufgefordert Fremde in die Gemeinschaft zu führen. Überall. Bei manchen Menschen ist ganz offensichtlich, dass sie fremd sind. Die Flüchtlinge in der Asylunterkunft. Der neue Nachbar. Der Orientierungslose in der Stadt. Die Interessenten an unseren Vereinen und Gruppen.

Fremdheit überwinden – Not erkennen

So manche Not können wir den Menschen allerdings nicht ansehen. Wir sehen nicht, ob jemand an Einsamkeit leidet, ob jemand daheim einen leeren Kühlschrank hat, mit welchen Ängsten jemand zu kämpfen hat oder was hinter dem seltsamen Verhalten von ihm steckt. Damit ich Not erkennen kann, darf der andere für mich nicht mehr fremd sein. Und das hat Konsequenzen. „Du bist ewig für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen. Und genau das ist unsere Aufgabe als Christen, die Pflicht jedes Christen. Wir sind dazu berufen, die Menschheit zur Einheit zu führen, sie miteinander vertraut zu machen. Überall. Sogar da, wo wir selbst fremd sind, sollen wir Gemeinschaft stiften. Es ist unsere Verantwortung.

Die Challenge für die Woche:

Und weil es überall geht, können wir sofort damit anfangen und es ist mal wieder Zeit für eine Challenge: Geh auf jemanden zu, der dir fremd ist. Such Dir eine konkrete Person aus. Mach dir diese Person vertraut. Sprich sie an. Heiße sie willkommen. Lade sie ein. Leiste Hilfe. Bring sie in Kontakt mit anderen Menschen. Sorge dafür, dass sie zumindest Dir nicht mehr fremd ist.

Autor und Sprecher: Norbert Wilczek OMI

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